Schon wieder Lockdown!

Ich bin hochsensitiv und introvertiert – ist es „erlaubt“, die aktuellen Pandemiemaßnahmen als Glücksfall zu erleben?



Wir alle kennen in unserem Umfeld Menschen, die behaupten, dass ihnen die Maßnahmen der Regierung eigentlich wenig ausmachen bzw. dass es für sie sogar mehr Vorteile als Nachteile gibt. Häufig handelt es sich bei diesen Mitmenschen um introvertierte, hochsensitive Menschen, die ganz froh darüber sind, nun die offizielle „Erlaubnis“ zu haben, die meiste Zeit in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Sie sind dankbar, von zuhause aus arbeiten zu dürfen oder im Homeschooling zu sein. Sie sind froh, keine Termine wahrnehmen zu müssen. Vielleicht sind sie keine Sportskanonen und fühlen sich erleichtert, endlich einmal kein schlechtes Gewissen haben zu brauchen, wenn sie in ihrer Freizeit keinen sportlichen Aktivitäten nachgehen. Sie sind froh, auf keine Feiern gehen zu brauchen und genießen es, einfach insgesamt viel weniger Stress zu haben als sonst.


Ganz wichtig ist sicherlich, einschränkend zu sagen, dass ein positives Erleben der pandemiebedingten Begleitumstände nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist. Dazu gehört z.B. ein Grundgefühl der Sicherheit, also, dass keine Existenzsorgen bestehen und dass es keine finanzielle Not oder Jobsorgen gibt. Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft sicherlich die Frage, wie viel Platz in einer Familie für jede/jeden einzelnen zur Verfügung steht. Gibt es eigene Räumlichkeiten zum Rückzug und zum konzentrierten Arbeiten? Gibt es genug Platz, sich auch frei bewegen zu können und für Schönwetter vielleicht sogar eine Terrasse oder einen Garten, die benutzt werden können? Wichtig ist auch, dass die Familie gut miteinander auskommt, eine funktionierende Konflikt- und Streitkultur hat und über auftretende Probleme und Sorgen sprechen kann. Eine gewisse Tagesstruktur, auch wenn vielleicht flexibler und entspannter als sonst, ist auch sehr hilfreich.


Ein paar Beispiele aus meinem persönlichen Umfeld: Eine Mutter hat mir letzte Woche erzählt, wie sehr sie es genießt, nicht ständig irgendwohin fahren zu müssen, keine Kinderpartys organisieren zu brauchen und so viel Zeit wie nie zuvor mit ihrem Mann und den Kindern gemeinsam verbringen zu können. Für ihre Familie war das letzte Weihnachten z.B. das erste stressfreie Weihnachten in kleinster Familienrunde und alle fanden es wunderschön. Möglicherweise wird sich dieses Gefühl nun zu Ostern wiederholen…


Ein anderes persönliches Beispiel betrifft ein Kind aus der Nachbarschaft, das sich mit beiden Eltern im Homeoffice befindet und die Familie während der Lockdowns immer wieder auch unter der Woche hinaus ins Grüne fährt - zum Wandern oder im Winter zuletzt auch immer wieder zum Schifahren. Dies ist möglich, weil die Lern- und Arbeitszeiten selbständig eingeteilt werden können.


Nun aber auch kurz zur Kehrseite der pandemiebedingten Maßnahmen für ebenfalls sehr viele introvertierte Menschen: Die zuletzt erschienenen Studien liefern auch Daten darüber, dass Gewalt in den Familien in den letzten Monaten stark zugenommen hat. Introvertierte und extravertierte Kinder aus beengten Verhältnissen, in denen zuvor schon Sorgen und Gewalt vorherrschten, leiden in einem Lockdown sicher noch mehr als sonst schon, weil sie nicht einmal die Rückzugsorte Schule oder ihren Freundeskreis haben. Diese Gefahr betrifft leider alle Kinder, egal ob hochsensitiv oder nicht.


Zurück zu unserem ursprünglichen Thema: Ich denke, in einer toleranten und offenen Gesellschaft sollte für beide Standpunkte Platz sein. Es gibt kein „Schwarz oder Weiß“. Es gibt jene Menschen unter uns, denen die Pandemie neue Chancen und Möglichkeiten aufzeigt und es leben Personen unter uns, für die es an der aktuellen Situation gerade NICHTS, aber auch wirklich GAR NICHTS Positives gibt und die psychisch und existentiell an ihre Grenzen kommen. Beide Standpunkte und Erlebensweisen haben ihre Berechtigung und über beides sollte man schreiben, sprechen und diskutieren dürfen.




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