Hochsensitive Kinder

Analog zu der rasant steigenden Anzahl an Veröffentlichungen über Merkmale und Erlebensweisen hochsensitiver Erwachsener (vgl. z. B. die zahlreichen Bücher von Elaine Aron und anderen AutorInnen sowie zahlreiche Beiträge im Internet) ist gerade auch beim Thema „Hochsensitive/Hochsensible Babys und Kinder“ ein wachsendes Interesse sowie ein steigender Bedarf an fundierten Informationen und Hilfestellungen im Umgang mit diesen spürbar. Dieser Text soll einen ersten Überblick geben, erhebt jedoch nicht den Anspruch, ein persönliches Beratungsgespräch bei einem Experten/einer Expertin, das Lesen von Fachbüchern oder den Besuch eines Vortrags zu dem Thema ersetzen zu wollen.

Was bedeutet Hochsensitivität/Hochsensibilität bei Kindern? >>>


Vorweg: Hochsensitivität/Hochsensibilität ist keine Störung oder Krankheit, die wegtherapiert werden kann oder soll, vielmehr handelt es sich um eine vererbte Persönlichkeitseigenschaft, die bei ca. 15 bis 20 Prozent der Erwachsenen und 20 bis 35 Prozent der Kinder und Jugendlichen (im Alter von 8 bis 19 Jahren - lt. einer Studie von Elaine N. Aron u. a. in GB aus dem Jahr 2018) auftritt und unter stimmigen Bedingungen als wertvolle Ressource und Begabung erlebt werden kann. Wie bei hochsensitiven Erwachsenen ist auch bei den ebenso veranlagten Babys und Kindern ihre Wahrnehmung und Reizverarbeitung aufgrund einer besonderen neuronalen Veranlagung differenzierter und intensiver als bei den meisten anderen Menschen. Sie nehmen mehr subtile Informationen auf, denken viel nach und spüren auch auf der Gefühlsebene alles viel intensiver. Ihre Reizoffenheit und Sensibilität macht sie allerdings auch verletzlicher und schneller reizüberflutet. Hochsensitive Babys/Kinder brauchen meist besondere Nähe und Aufmerksamkeit (anfangs oft ausschließlich durch die Mutter), um zu lernen, mit ihrer speziellen Wahrnehmungsweise selbstbewusst umzugehen. Für Eltern und PädagogInnen stellt ein hochsensitives Kind oft eine große Herausforderung dar.




Hochsensitive/hochsensible/hoch reaktive Babys >>>


Die meisten hochsensitiven Kinder können bereits als Babys von ihren Eltern oder Fachpersonen als „anders“ oder bei entsprechendem Wissen als „hochsensitiv/hochsensibel/hochreaktiv“ erkannt werden. (Exkurs: Der Begriff „hochreaktiv“ stammt vom US-Psychologen Jerome Kagan aus Studien bei Babys zu Persönlichkeit und Bindungsverhalten. „Hochsensitiv“ wäre die korrekte Übersetzung von „highly sensitive“ - der von Elaine N. Aron ab 1996 geprägten Bezeichnung für diese Persönlichkeitseigenschaft. Im deutschen Sprachraum stoßen wir außerdem auch noch häufig auf das Adjektiv „hochsensibel“. In diesem Beitrag meinen alle drei Begriffe dasselbe und werden gemischt verwendet.)




Wie erkenne ich ein hochsensitives/hoch reaktives Baby? >>>


Manche Babys zeigen schon von Geburt an ihre erhöhte Sensibilität auf Umweltreize und die damit einhergehende intensivere Verarbeitung, weil es ihnen anscheinend besser geht, wenn sie weniger Stimulation um sich haben. Es ist für die Eltern sehr wichtig zu erkennen (oder von geschulten Personen gesagt zu bekommen), dass ihr Neugeborenes möglicherweise hochsensitiv ist, weil sie sich in ihrer Elternrolle dann weniger in Frage stellen, weniger Sorge haben, etwas falsch zu machen und somit leichter eine sichere Bindung zu ihrem Kind entwickeln können. Manche Eltern (die möglicherweise selbst hochsensitiv sind) scheinen die Hochsensitivität bei ihrem Baby auch zu spüren und beginnen sehr früh, darauf zu reagieren - wenn auch oft, ohne ihr Verhalten/ihre Anpassungen konkret erklären zu können, sondern rein intuitiv (Tragetuch, Körperkontakt, spezielle Wickeltechniken wie z. B. Pucken, viel Ruhe etc.) Mögliche Anzeichen, woran ein hochsensitives Baby erkannt werden kann: • Es sucht ständig Körperkontakt und will dauernd getragen werden (sonst schreit es). • Es erschrickt sehr leicht. • Es ist sehr einfühlsam. • Es kann nach einem aufregenden Tag nur schwer einschlafen. • Es registriert Details und plagt sich mit Veränderungen. • Es ist schon früh merkbar, dass das Kind ein intensives Gefühlsleben hat. • Falls das Baby ein HSK und gleichzeitig ein HSS (High Sensation Seeker) ist, fällt von Beginn an eine erhöhte motorische Aktivität auf. • Möglicherweise lässt sich das Baby von niemand anderem nehmen und beruhigen als von seiner Mutter (ev. auch noch vom Vater).




Hochsensitive Kinder im Vorschul- und Schulalter >>>


Die meisten hochsensiblen Kinder sind eher introvertiert (ca. 30 % jedoch sind extravertiert). Unvorhergesehene Änderungen bereiten ihnen Unbehagen. Sie denken sehr viel nach, sind außergewöhnlich empathisch und stellen schon in jungen Lebensjahren tiefgründige Fragen. Sie sind sehr sinnlich und reagieren oft empfindlich auf taktile Reize, laute Geräusche oder bestimmte Gerüche. Viele hochsensitive Kinder sind perfektionistisch veranlagt und Ungerechtigkeiten sind für sie sehr schwer auszuhalten. Mögliche Reaktionen auf Reizüberflutung: • Tobsuchtsanfälle oder Wutausbrüche, manchmal auch Widerstand oder aggressives Verhalten • Versuch, keinen Ärger zu machen, vollkommen gehorsam zu sein, in der Hoffnung, so gar nicht bemerkt oder überfordert zu werden • Still werden und Rückzug • Rückzug in Phantasie oder virtuelle Welten • Perfektionismus und Streben nach herausragenden Leistungen, um mutmaßliche Defizite zu kompensieren • Bauch- und/oder Kopfschmerzen • Ängstlichkeit, Hoffnungslosigkeit




Mögliche Fehl- und Doppeldiagnosen >>>


Trotz mittlerweile mehrjähriger Erforschung der hochsensitiven Veranlagung ist der Wissensstand sowohl in der Normalbevölkerung als auch bei zahlreichen Fachleuten meist noch ausbaufähig. Zahlreiche Kennzeichen und Verhaltensweisen hochsensitiver Kinder können Symptomen ähneln, die zu Fehlgutachten führen können. Bei hochsensitiven Kindern wird z. B. fälschlicherweise oft ADS (= die hypoaktive "stille" Form des Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms) oder ADHS (= die hyperaktive Form des Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms) diagnostiziert. Die Unterscheidung liegt laut der Sozialpsychologin und Verhaltenswissenschaftlerin Birgit Trappmann-Korr (M.A.) (die sich eingehend mit diesem Thema befasst hat) im Denk- und Wahrnehmungsstil der Kinder. Darüber hinaus zeigen hyperaktive Kinder oftmals Verhaltensweisen, die weit weg sind von Empathie und sensitiver Wahrnehmung. Sie haben eine geringe Aufmerksamkeitsspanne und sind selten „bei der Sache“. Hochsensitive Kinder hingegen sind in der Regel besonders einfühlsam und können sich in einer für sie stimmigen Umgebung sehr gut konzentrieren. Weitere immer wieder fälschlicherweise diagnostizierte Störungen sind Autismus, Angststörungen und Verhaltensstörungen; im Jugend- und Erwachsenenalter dann mitunter auch Depressionen, Emotionale Instabilität, Süchte, Co-Abhängigkeiten und Zwangsstörungen. Grundsätzlich können hochsensible Kinder und Erwachsene natürlich unter allen psychischen Erkrankungen leiden wie andere Menschen auch und es gibt immer wieder berechtigte „Doppeldiagnosen“. Oftmals verschwinden die psychischen Symptome bei Hochsensitiven jedoch dann, wenn sie lernen, mit sich und ihrer Hochsensitivität gut umzugehen und sich ein Umfeld zu schaffen, in dem sie auf ihre ganz individuelle Weise „wachsen und gedeihen“ können. Insbesondere hier zeigt sich, welch große Verantwortung Eltern und Bezugspersonen in der Begleitung hochsensitiver Kinder zukommt. Ob die eigene Hochsensitivität unserer Kinder als Geschenk und Gabe erkannt oder als Bürde und Belastung betrachtet wird, ist individuell verschieden und durchaus beeinflussbar. Intensiver wahrzunehmen bedeutet nämlich, auch die Annehmlichkeiten und Glücksmomente im Leben stärker zu spüren als die Normalbevölkerung. Hochsensitive Kinder leiden aufgrund ihrer Disponibilität stärker unter schwierigen Bedingungen in der Kindheit, aber sie profitieren auch mehr von einer glücklichen Kindheit (und können diese später mehr wertschätzen als die meisten anderen Kinder). (Anmerkung: Besteht für ein hochsensitives Kind Bedarf an professioneller Begleitung oder Unterstützung in Form von Psychotherapie, Ergotherapie o. ä., reagieren sie meist auch auf diese Angebote stärker als andere Kinder und können die angebotenen Inhalte schneller umsetzen. So stellt sich oft sehr rasch zumindest eine deutliche Besserung ihrer Symptome und Probleme ein.)




Hochsensitive Jugendliche >>>


Das Gehirn eines pubertierenden Kindes wird zur Baustelle, auf der neue Leitungen für den Transport von Gedanken und Gefühlen verlegt werden. Dabei wird an unterschiedlichen Stellen verschieden lang gewerkt. Der körperliche Reifungsprozess überholt die Entwicklung im Kopf. Wer erwachsen aussieht, muss es innerlich noch lange nicht sein. Da HSP in der Regel alle Veränderungen (sowohl im Körper als auch in ihrem Umfeld) intensiver empfinden als nicht HSP, erleben hochsensitive Jugendliche eventuell auftretende Pubertätsbeschwerden (z. B. Ungeschicklichkeit, Müdigkeit, Kreislaufprobleme, Konzentrationsschwächen, Stimmungsschwankungen, Wachstumsschmerzen …) sowie etwaige äußerliche Umstandsänderungen (wie z. B. einen Schulwechsel in eine weiterführende Schule oder den Beginn einer Lehre) oftmals besonders stark und belastend. Im Großen und Ganzen sind hochsensitive Teenager jedoch meist leichter großzuziehen als andere Jugendliche. Sie sind meist sehr gewissenhaft, experimentieren nur selten mit Drogen oder übermäßigem Alkoholkonsum und gehen weniger Risiken aller Art ein (wenn doch, stellt dies in der Regel einen Hilferuf dar und sollte möglichen Ursachen nachgegangen werden oder sie sind High Sensation Seeker.)




Gefühlsstarke Kinder >>>


Der Begriff „Gefühlsstarke Kinder“ wurde in den letzten Jahren von der Journalistin Nora Imlau geprägt, die 2018 den Bestseller „So viel Freude, so viel Wut“ im Kösel-Verlag herausgegeben hat. Die Autorin selbst erwähnt den Begriff „Hochsensitivität“ in ihrem Buch nicht, jedoch beschreibt sie gefühlsstarke Kinder als meist sehr sensibel. Aus der Erfahrung in meiner psychotherapeutischen Praxis reagieren hochsensitive Kinder manchmal dann „gefühlsstark“, wenn sie überreizt sind und noch nicht gelernt haben, mit ihren starken Emotionen umzugehen. Gefühlsstarke Kinder zeichnen sich durch eine bestimmte Kombination einiger Temperamentsmerkmale aus. Ihr Aktivitätsgrad ist sehr hoch, sie sind sehr stark in ihren Emotionen und Ausdrucksweisen und diese Kinder haben meist große Probleme, sich selbst zu regulieren. Oft sind sie auch leicht ablenkbar und es fällt ihnen schwer, sich an ein wechselndes Umfeld anzupassen. Je ausgeprägter diese Eigenschaften sind, desto schwieriger ist der Umgang mit einem gefühlsstarken HSK (je nachdem, wie gut sich das häusliche und schulische Umfeld darauf einstellen können). Wichtig ist, einem gefühlsstarken HSK zu helfen, wie es lernen kann, seinen Gefühlen auf angemessene Art und Weise Ausdruck zu verleihen. Scheue Dich nicht, gegebenenfalls Hilfe in Anspruch zu nehmen! Tipps für den Umgang mit einem hochsensitiven Kind: 😊 Es so sein lassen, wie es ist! (Dein Kind ist ok!) 😊 Sich in Geduld üben! (Vieles dauert mit einem hochsensitiven Kind länger.) 😊 Auf Struktur achten (räumlich, zeitlich, organisatorisch)! 😊 Eine Balance zwischen „Schützen“ und „Stupsen“ finden! (Hochsensitive Kinder brauchen Verständnis für ihre Zurückhaltung sowie Ermutigung zu neuen Erfahrungen gleichermaßen.)




Zusammenfassung


Ein hochsensitives Kind ist nicht „krank“, sondern lediglich „anders“ in seiner Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen. Sehen wir es als unsere Aufgabe als Eltern, Bezugspersonen und PädagogInnen, unseren hochsensitiven Kindern zu zeigen, wie sie ihre Hochsensitivität nicht als Hindernis, sondern als Geschenk und besondere Begabung begreifen lernen können. Elisabeth Heller





Ein Informationsblatt zum Thema von unserer Kinderexpertin Elisabeth Heller als pdf.

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