Emotionale Intelligenz als hilfreiche Orientierung für Hochsensible.

Wie aus intensiver Wahrnehmung und Reizüberflutung emotionale Souveränität entsteht.
Hochsensible Menschen verfügen über eine besonders differenzierte Wahrnehmung ihrer Umwelt. Sie reagieren häufig aufmerksam auf subtile Veränderungen, nehmen zwischenmenschliche Signale fein wahr und verarbeiten Erlebnisse intensiv. In der psychologischen Forschung wird dieses Merkmal überwiegend unter dem Begriff Sensory Processing Sensitivity (SPS) untersucht [1].
Hochsensibilität ist einerseits ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal jedoch nicht gleichzusetzen mit Introversion oder allgemeiner Emotionalität, sondern ein Merkmal individueller Verarbeitung von Reizen. Andererseits kann Hochsensibilität auch als Folge von sehr belastenden Ereignissen resultieren. Sehr oft wird dabei das Entwicklungstrauma genannt [2]. Entscheidend dabei ist insbesondere nach neuesten Forschungsergebnissen von Pluess & Belsky [3] zur „Vantage Sensivity“ oder „Vorteilssensitivität“, wie die eigene Hochsensibilität wahrgenommen wird. Zum Beispiel beschreiben Pluess & Belsky Hochsensibilität nicht nur als Herausforderungen bei zu viel Reizaufnahme, sondern auch als Verstärker von positiven Gefühlen. Damit wird Hochsensibilität als positives Persönlichkeitsmerkmal beschrieben.
Diese Entwicklung ist für einen positiven Blick auf Hochsensibilität besonders relevant. Sensitivität besteht nicht ausschließlich aus erhöhter Reizbarkeit. Sie umfasst ebenso die Fähigkeit, positive Erfahrungen, soziale Feinheiten und Details besonders intensiv wahrzunehmen.
Zu wenig erforscht ist nach wie vor der Zusammenhang von transgenerationalen Trauma, Geburtstraumen etc. und angeborener Hochsensibilität. Die aktuellen Ergebnisse von Pluess & Belsky zeigen jedoch deutlich, dass Hochsensibilität definitiv keine Bürde ist oder sein muss!
Emotionale Intelligenz als Schlüsselkompetenz
Ein Konzept das mit Hochsensibilität sehr oft in Zusammenhang gebracht wird, ist die „emotionale Intelligenz“ [4]. Das Konzept beschreibt die Fähigkeit, emotionale Informationen wahrzunehmen, zu verstehen und für Denken und Handeln angemessen zu nutzen. Auch wenn viele davon ausgehen, dass hochsensible Menschen automatisch eine ausgeprägte emotionale Intelligenz besitzen, so sollte man das durchaus differenzierter betrachten.
Emotionale Intelligenz (EI) besteht aus 5 Kernelementen. Dazu zählen:
· Selbstwahrnehmung
· Selbstregulierung
· Motivation
· Empathie
· Soziale Kompetenz
Hochsensibilität (HSP) kann mit Hilfe von 6 Domänen erklärt werden:
· Verarbeitungstiefe: Intensives Nachdenken und Reflektieren.
· Überstimulation: Schnelle Erschöpfung durch hohe Reizdichte.
· Emotionale Reaktivität: Starke Gefühlsreaktionen auf innere und äußere Reize.
· Soziale Sensitivität: Hohe Empathie und das intuitive Erfassen zwischenmenschlicher Schwingungen.
· Sensitivität für Details: Feine Wahrnehmung von Nuancen in der Umgebung.
· Sensitivität für positive Erfahrungen: Starke positive Resonanz auf Kunst, Musik, Natur oder harmonische Erlebnisse. [5]
Auf den ersten Blick lassen sich natürlich sehr viele Gemeinsamkeiten erkennen. Jedoch besteht ein wesentlicher Unterschied bereits darin, dass Hochsensibilität ein angeborenes oder auf Grund von einem z.b. Entwicklungstrauma erworbenes Persönlichkeitsmerkmal ist und keine Kompetenz die erlernt werden kann. Hochsensibilität kann man nicht lernen, sondern beschreibt eine besondere Art der Reizverarbeitung.
Hochsensible Menschen können beispielsweise Sinneseindrücke, Emotionen oder soziale Situationen intensiver und detaillierter verarbeiten [1]. Entsteht Hochsensibilität als Folge eines Entwicklungstraumas, können durch Therapie der traumasensiblen Erlebnisse, die Ausprägungen der Hochsensibilität deutlich zurückgehen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass Hochsensibilität kein bereits angeborenes Persönlichkeitsmerkmal war. Aber auch hierzu gibt es aus dem österreichischen HSP Netzwerk bereits einige Berichte von einer positiven Veränderung der Hochsensibilität nach Traumatherapie. [5]
Emotionale Intelligenz hingegen ist kein Persönlichkeitsmerkmal oder eine Veranlagung, sondern kann als erlernbare Kompetenz betrachtet werden. Bei emotionaler Intelligenz handelt es sich nicht um eine besonders starke Wahrnehmung und intensive Reizaufnahme, sondern emotionale Intelligenz beschreibt vor allem Fähigkeiten im Umgang mit Emotionen. Die eigenen Gefühle wahrnehmen und verstehen, sie regulieren sowie Emotionen anderer erkennen und angemessen darauf reagieren.
Eine hochsensible Person kann Emotionen sehr intensiv wahrnehmen, muss aber deshalb nicht besonders gut darin sein, diese zu regulieren oder sozial geschickt damit umzugehen. Insbesondere nicht, wenn ad hoc alles „zu viel“ wird. Umgekehrt kann jemand eine hohe emotionale Intelligenz besitzen, ohne Reize oder Emotionen außergewöhnlich intensiv zu erleben. Beispielsweise kann eine Person sehr schnell bemerken, dass jemand traurig oder angespannt ist, aber trotzdem Schwierigkeiten haben, angemessen darauf zu reagieren.
Natürlich kann eine Person beides sein: hochsensibel und emotional intelligent. Die beiden Eigenschaften können sich sogar gegenseitig beeinflussen und bestens ergänzen. Aber das eine lässt sich nicht aus dem anderen ableiten.
Für hochsensible Menschen kann diese Kompetenz eine besondere Bedeutung gewinnen.
Denn eine intensive Wahrnehmung ist zunächst einmal eine Form von Information. Entscheidend ist, wie diese Information verarbeitet wird.
Wer beispielsweise die Anspannung eines Gesprächspartners früh erkennt, verfügt über eine wertvolle soziale Information. Emotionale Intelligenz hilft dabei, diese Information einzuordnen: Was nehme ich tatsächlich wahr? Was bedeutet es? Welche anderen Erklärungen gibt es? Und wie möchte ich darauf reagieren?
Emotionale Intelligenz schafft einen inneren Handlungsspielraum.
Eine hochsensible Person kann beispielsweise sofort wahrnehmen, dass sich die Atmosphäre in einem Raum verändert. Diese Wahrnehmung ist zunächst wertneutral. Erst die Interpretation entscheidet darüber, welche Bedeutung daraus entsteht.
z.B. „Ich nehme eine Veränderung der Stimmung wahr. Ich beobachte sie zunächst und entscheide dann, wie ich damit umgehe.“
Zwischen Wahrnehmung und Reaktion entsteht damit ein innerer Handlungsspielraum. Dieser Handlungsspielraum ist ein wesentlicher Bestandteil emotionaler Souveränität und das wiederum kann man lernen.
Empathie bedeutet nicht, alles übernehmen zu müssen.
Empathie ermöglicht es, andere Menschen besser zu verstehen. Sie kann Beziehungen vertiefen, Vertrauen fördern und soziale Situationen bereichern. Emotionale Intelligenz ergänzt diese Fähigkeit durch eine gesunde Abgrenzung.
z.B. „Ich nehme wahr, dass du traurig bist. Ich kann dich verstehen und dir zuhören. Gleichzeitig weiß ich, dass deine Emotion nicht automatisch meine Emotion werden muss.“
Emotionale Intelligenz soll nicht als harte Grenze betrachtet werden, sondern als hilfreiche Orientierung, eigene Gefühle besser zu verstehen und bewusst damit umzugehen.
Über die Autorin:
Sandra Schlicke
Psychosoziale Beraterin an der Schnittstelle Job&Leben
Ich unterstütze bei Herausforderungen im Leben und Verbindung mit dem Job. Ein wichtiger Schwerpunkt stellt für mich die Arbeit mit sensitiven Menschen dar. Ich unterrichte zum Thema emotionale Intelligenz und Kommunikation
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12. März 2027 17-19h
Quellen:
[1] Aron, E. N., Aron, A., & Jagiellowicz, J. (2012). Sensory processing sensitivity: A review in the light of the evolution of biological responsivity. Personality and Social Psychology Review, 16(3)
[2] Roemer, C. (2022). Bin ich wirklich hochsensibel? 20 Unterschiede zwischen Trauma und Hochsensibilität. BoD – Books on Demand.
[3] Pluess, M. & Boniwell, I. (2015). Sensory-processing sensitivity predicts treatment response to a schoolbased depression prevention program: Evidence of vantage sensivity. Personality and Individual Differences, 82, 40-45.
[4] Goleman, D. (1997). EQ. Emotionale Intelligenz(F. Griese, Übers.). Deutscher Taschenbuch Verlag.
[5] HSP Netzwerk Österreich hochsensitiv.net





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